Der Steilpass im Oktober

Zum Länderspiel gegen die Ukraine war man bis auf Sané und Reus mit der vollen Kapelle angereist. Man gewann zwar mit 2 : 1, aber das Spiel war alles andere als überzeugend. Es war ein deutsches Festival an manchmal grotesk anmutenden Fehlpässen. Es ist schwer, gegen eine doppelte Viererkette anzuspielen, ohne Frage. Die könnte man mit langen Querpässen auf die Außen knacken. Es fehlte aber einer, der wie Jerome Boateng diese Kunst beherrscht. Insofern übertraf man sich bei 75 % Ballbesitz geradezu im Hin- und Herschieben des Balles.

Erwischte der Gegner nach einem Fehlpass dann den Ball, stürmten die schnellen Ukrainer in blitzschnellem Konterspiel auf das deutsche Tor zu. Meistens war dann doch an der Strafraumgrenze Schluss, man muss sich aber fragen, warum können die so blitzschnell kontern und Löws Truppe kann das nicht? Auch im Badischen grammatisch falsch bleibt mir Löws Fazit haften: „ Wir hätten können noch höher gewinnen nach dem[ zwischenzeitlichen] 2 : 0.“ Ergänzend muss ich hinzufügen, aber gegen einen erstklassigen Gegner hätten wir Null Chance gehabt.

Aufgefallen ist mir ein Schnelligkeitsdefizit. Das deutete sich im Spiel gegen quirlige Türken    ( 1 : 1 ) bereits an. Augenfällig wurde es auch dem Laien gegen die schnellen ukrainischen Konterspieler. Konkret zeigte es sich im Laufduell Süles gegen seinen ukrainischen Gegenspieler, das zum Elfmeter führte. Die Deutschen sind in engen Situationen einfach zu langsam. Wird dem in den Nachwuchsmannschaften nicht entgegen gearbeitet, wird es nichts mit Deutschlands Fußball als ernsthaften Konkurrenten im Europa- und Weltfußball. Da bleibt noch etliches rätselhaft.

Das einige Tage später gegen die Schweiz erzielte 3 : 3 bestätigte die Defizite. Die beiden Recken Hummels und Boateng in der Abwehr sind eben nicht so schnell zu ersetzen. Zudem ist Thomas Müller in einer Form, in der er in jeder anderen Nationalmannschaft zu den tragenden Säulen gehören würde. Gerade in Bielefeld ( 4 : 1 für die Bayern) zeigte er seine überragende Form. Auf ihn, so ohne gleichwertigen Ersatz zu haben, leichtfertig zu verzichten, ist grobe Fahrlässigkeit.

 Das Umschaltspiel der Schweizer war doppelt so schnell wie das der deutschen Mannschaft. Aber das hatten wir ja schon gegen die vorigen Gegnern gesehen. Dagegen wurde aber von der Seite des verantwortlichen Trainers nichts getan. Versöhnt wurden wir durch die beiden Treffer von Havertz und Gnabry. Vor seinem Tor zeigte Havertz mit einem grandiosen Dribbling und souveränem Abschluss, warum die Engländer bereit waren, eine hohe Ablösesumme zu bezahlen. Gnabrys Hackentrick zum Ausgleichstor war technisch ein ebensolches Schmankerl. Gut zu gefallen durch seine Zweikampfstärke wusste Goretzka, während Toni Kroos in seinem 100. Länderspiel im Aufbauspiel stets eilfertig angespielt wurde, dadurch aber das Konterspiel gar nicht zur Entfaltung brachte.

Wenn „Ergebnisse der Klebstoff für Erfolg sind“, wie Löw meinte, dann sollte er sich einen neuen Klebstoff besorgen.

Klebstoff hätte Hoffenheims Sebastian Rudy nichts genutzt. Beim Spiel gegen den BVB ( 0 : 1 für den BVB ) packte man den alten Spruch der Makkabäer aus: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Hoffenheims Posch traf Dortmunds Piszczeck im Gesicht, mit der Folge, dass der Dortmunder Pole wegen einer Einblutung am Auge den Platz verlassen musste. Das ließ den Dortmunder Passlack nicht ruhen. Als ihm Hoffenheims Rudy blöd kam, verlor derselbe einen Teil seines Vorderzahnes. Man sah bei der Übertragung, dass das Stück Zahn meterweit über den Platz flog. Später schrieb der BVB unter ein Bild mit Passlacks blutigem Trikot-Ärmel: „ Bis aufs Blut“. Da aber Handfeuerwaffen und Messer vorher abgegeben werden mussten, gab es keine weiteren Vorkommnisse.

In der Bundesliga wird zwar allenthalben die fehlende Stadionatmosphäre bedauert und die Verluste durch den Wegfall des Konsums beklagt, gleichwohl hat sich der Fußball im Kerngeschäft nicht verändert. Er ist Teil der Unterhaltungsindustrie. Sein Weg als virtuelle Angelegenheit ist unumkehrbar. Man muss sich nur einmal die Zahlen der Zuschauer ansehen, die z.B. mit Bundesligaspielen in Asien erreicht werden. Für Deutschland hat der DFL-Geschäftsführer Seifert ganz cool festgestellt, dass bei vollen Stadien an einem BL-Spieltag 360.000 Zuschauer gezählt werden, an den TV-Geräten aber 15 Millionen. Unter diesem Aspekt wird er das Gejammere der Ultras ganz gelassen zur Kenntnis nehmen.

Die Bundesliga wird sich auf niedrigerem wirtschaftlichen Umsatz einpendeln, das sie aber verkraftet. Ob das anderen Bundesligen genau so gelingt, wird sich zeigen. Dabei haben es die Hallensportarten sicher schwerer wegen der zusätzlich schlechteren Voraussetzungen mit den Hallen.   

Während in der Champion’s League (CL) Leipzig das erste Spiel gegen einen türkischen Verein 2 : 0 gewann, musste Borussia Dortmund in Rom gegen Lazio eine bittere 3 : 1 Niederlage einstecken. Immobile, einst wenig erfolgreicher Stürmer in Dortmund, sprühte vor Spielfreude, schoss das erste Tor und spielte ansonsten den Borussen Knoten in die Beine. Die Gladbacher verschafften sich Respekt mit einem 2 : 2 bei Inter Mailand, während die Bayern gegen die Rabaukentruppe unter dem Namen Atlético Madrid souverän mit 4 : 0 gewannen. Diese Kloppertruppe verzichtet auf jeden Charme, schafft es damit aber immer wieder in die CL-League.

In der zweiten Runde ließen die Bayern in Moskau nichts anbrennen und gewannen dort mit 2 : 1. Schwächen in der Konzentration kosteten Mönchengladbach im Heimspiel gegen Real Madrid den Sieg. Beim 2 : 2 glichen die Madrilenen in der letzten Minute der Nachspielzeit aus. Ein Tor in der Nachspielzeit kostete zuvor auch in Mailand den Sieg. Dortmund siegte gegen St.Petersburg mit 2 : 0, während Leipzig bei seinem Ausflug nach England mit 0 :5 gegen Manchester United unterging.

In der Euro-League zeigte sich Hoffenheim von der Schlacht mit Dortmund gut erholt. Sie gewannen gegen Roter Stern Belgrad souverän mit 2 : 0. Die gute Vorstellung deutscher Vereine auf europäischem Parkett rundete Bayer Leverkusen mit einem klaren 6 : 2 gegen Nizza ab.

Rätselhaftes erleben wir außerhalb des Sportgeschehens. So berichtet die „Sindelfinger Zeitung“: „Tiefgarage hängt weiter in der Luft“. Sollte man die nicht umbenennen?

Früher bin ich gern mit Austrian Airlines geflogen, soweit ich in Asien zu tun hatte. Jetzt aber würde ich es mir doch überlegen, denn die Linie schreibt im Bordmagazin: „Fluggäste sind überall auf der Welt verpflichtet, nicht nur ihren Gurt zu schließen, sondern auch die Fenster geöffnet zu halten.“ Da wird es doch ein wenig ungemütlich kalt in der Sauerstoffarmut da oben.

Corona überlagert in den Nachrichten von morgens bis abends alles. In der Gratwanderung zwischen allgemein bundesweiten Regeln und regional begrenzten Konkretisierungen             ( Berchtesgaden ) regt mich das wehleidige Gejammer auf, dass das ritualisierte Saufen auf 23.00 Uhr begrenzt wird. Zynisch kann man raten, dann fangt halt früher mit dem Saufen an. Wenn man in der WDR-Lokalzeit Bonn vier junge Männer an einem kleinen Tisch ohne Maske eng zusammen sitzend und Bier saufend sieht, wie sie über Coronarestriktionen jammern, dann ist das nur noch peinlich. Um dem die Krone aufzusetzen sagt einer der vier: „ Man macht uns unsere Zukunft kaputt.“ Das ist so dämlich, dass mir geradezu schlecht wird. Als ob seine Zukunft durch Saufen gesichert wäre.

Dieser Unverstand ist vorsätzlich dumm. Mein Freund Klaus meinte in diesem Zusammenhang vor kurzem, wir werden hoffentlich im nächsten Jahr einen Impfstoff gegen den Coronabazillus haben. Gegen den Bazillus grenzenloser Dummheit haben wir dagegen immer noch nichts. Ich habe die Vermutung, dass der Respekt und die Vorsicht vor Corona auch etwas mit Bildung zu tun hat.

Wer intensiv die Zeitung liest, erkennt einen täglichen Irrsinn um uns herum. Ein 82-jähriger joggt des Nachts durch die Gegend und wird von einem Radfahrer umgenietet. Er überlebt den Zusammenstoß nicht. Ich frage mich, warum der nicht tagsüber joggen kann?

In Goch am Niederrhein hat sich ein 54-jähriger „Prophet des Ordens der Transformation“ niedergelassen. 54 Frauen und Männer hat er als Glaubensanhänger um sich geschart. Wie deppert muss man denn sein, um so einen Blödsinn nicht im Ansatz zu erkennen? Es gibt Erkenntnisse, dass sich eine zunehmend größer werdende Zahl an Menschen inzwischen  nur an sog. „sozialen Medien“ orientiert, die für mich „Asoziale Medien“ sind. Dort wird jeder Verschwörungstheorie, und sei sie noch so absurd, geglaubt.

Oder in Trier will ein LKW-Fahrer durch eine viel zu kleine Bogentoreinfahrt fahren. Dass das nicht geht, ist auf dem Zeitungsfoto mit bloßem Auge zu erkennen. Trotzdem fährt der wie ein Geistesgestörter in das Mauerwerk hinein. Sechs Wohnungen sind jetzt unbewohnbar. 

Wie immer setzt Gröpaz Trump ( Größter Populist aller Zeiten ) bei Corona noch einen drauf. Er negiert nicht nur trotz rasant ansteigenden Zahlen in den USA die Gefährlichkeit der Pandemie, er nennt auch den international anerkannten Fachmann Fauzi, der auch die Trump-Regierung beraten hat, einen Idioten. Schlimmer geht es nicht mehr. Statt nachdenklich zu werden, himmeln ihn seine Anhänger weiter an. Das ist unerträglich.

Es gibt nichts, was an Absurdität noch gesteigert werden könnte. So haben Hoteliers „Betriebsschließungsversicherungen“ abgeschlossen. Eine Zahlung daraus verweigern Versicherungen, weil bei 2018 oder früher abgeschlossenen Verträge der Begriff „Corona“ im Kleingedruckten fehlt. Es stört die Burschen auch nicht, dass 2018 kein Mensch Covid 19 kannte. Damit beweisen sie einmal mehr, was wir von ihnen halten. Teure Verträge sollen verscherbelt werden, um sich über das Kleingedruckte im Schadensfall aus der Verantwortung zu stehlen.

Der Versicherungsbegriff zeigt uns, wie flexibel die deutsche Sprache sein kann. Da braucht sie keine Anglizismen wie z.B. Lost, das Jugendwort des Jahres. Wortsammler erfreuen sich seit Corona auch an der „verantwortungsvollen Normalität“ oder am „Beherbungsverbot“. Jetzt ist mit dem von Wirten erfundenen „Betreuten Trinkens“ ein Juwel hinzu gekommen. Wirte schenken zu saufen aus, bis der Arzt kommt, das aber unter ihrer Betreuung. Die vier oben genannten Kumpane sollen also nicht zuhause saufen, sondern unter der Betreuung des Wirtes in der Kneipe. Das ist ein origineller, aber leider unwirksamer Beitrag zur Bekämpfung des Virus. Aber der Begriff ist fein. Jetzt ist die Erfindung von „Betreutem Essen“ nicht mehr fern. Leute, haut Euch unter unserer Betreuung die Wampen voll und esst nicht unbetreut, was fleißige Hausfrauen und Hobbyköche zuhause fabrizieren. Das wäre der zweite Grundgedanke, der den Wirten sicher noch kommen wird. Erst „Betreutes Essen“ und dann „Betreutes Saufen“ ist wohl die Idealvorstellung heutzutage. Jetzt ist allerdings erst einmal Schluss mit der Betreuung. 

Keine strahlt uns TV-Zuschauer über die Nachrichten so an wie Landwirtschaftsministerin Klöckner. Das fasziniert mich immer wieder. Sie ist dabei weder meine Landwirtschaftsministerin, noch meine oder unser aller Verbraucherministerin oder die Kümmerin bäuerlicher Landwirtschaft ( Klein- und Mittelbetriebe, sowie nachhaltig arbeitende Betriebe), sie ist nur die Interessenvertreterin von Großbetrieben, die mit ihrer Anbauweise am Artensterben unmittelbar beteiligt sind. So beschloss man unter ihrer Leitung 387 Milliarden € an Subventionen für die kommenden sieben Jahre. Das sind fast 40 % des EU-Gesamtbudgets. Der Großteil fließt nicht an bedürftige oder umweltfreundliche Betriebe. Er wird vergeben nach der Fläche des Hofes. Davon profitieren Großbetriebe und Milliardäre. Das freut Günther Fielmann. Der Brillenverkäufer hat 2019 mehr als 630.000.- € aus EU-Agrartöpfen abgesahnt. Der kann wirklich lachen. Wenn die Klöckner uns dagegen anlacht, dann lacht sie uns aus. 

 

 

Siegbert Heid, 28.10.20