Was ein falscher „Fuffzicher“ ist, also eine Person, der man nicht über den Weg trauen kann, weiß jeder. Der Fußball-Laie hat inzwischen noch weit mehr gelernt. Er weiß, dass ein „falscher Neuner“ kein „falscher Hase“ ist oder ein „falscher Fünfer“ in der Regel kein Falschgeld ist. Ein „falscher Dreier“, nicht zu verwechseln mit dem beliebten „flotten Dreier“, ist dagegen im Fußball noch nicht erfunden worden.

Auch für den Bereich von Verletzungen im Fußball hat er inzwischen Kenntnisse, die das Anlegen eines Fachwörterbuches nahe legen. Der Riss von Bändern im Knie, Adduktorenverletzungen oder Gehirnerschütterungen nach Kopfballduellen lassen ihn kaum merklich aufhorchen. Dagegen ist die Verletzung des Frankfurter Torhüters, Kevin Trapp, eine neue Schädigung, die selbst mir bisher nicht bekannt war. Nach einem Zusammenprall im Training mit einem Mitspieler, erlitt er den Anriss der Rotatorenmanschette in der linken Schulter. Das sind gleich vier Muskeln, die da außer Kontrolle gerieten. Er fällt für längere Zeit aus. Zu Otto Rehhagels Trainerzeit hätte er es damit schwer gehabt. Dieser schwadronierte einmal über Gründe, nicht zum Wettkampf anzutreten: „ Bei mir zählt nur Bruch“.

Ganz so extrem verlief bei der Leichtathletik-WM der 5000 m Lauf der Damen nicht. Aber die Dritte, Konstanze Klosterhalfen, war nach dem Lauf gekennzeichnet von Tritten mit blutigem Abdruck bis zu den Knien. Die konkurrierenden Afrikanerinnen nahmen sie ernst und hatten deshalb ganz schön zugelangt, um sich ihrer zu entledigen. Die Verletzungen, die sie erhielt, konnten wir alle verfolgen, dagegen war ihre Gegenwehr eher eine sanfte Streicheleinheit. Bis 2020, Olympia in Tokio, wird sie sich hoffentlich dagegen immunisieren, vielleicht mit einem Lehrgang im Kickboxen oder in Karate. Als Trainerin könnte ich ihr meine Schwiegertochter empfehlen. Sie hat in ihrer Jugend auf europäischer Ebene bedeutende Erfolge erzielt.

Der Zehnkampf nahm am zweiten Tag eine sensationelle Wende. Nach dem überlegen führenden Franzosen Mayer, lag der Beste der drei Deutschen am Abend des ersten Tages auf dem 11. Platz. Dann verletzte sich Mayer. Er musste aufgeben. Die Karten wurden neu gemischt. Niklas Kaul hatte vor den letzten vier Übungen das beste Blatt mit vier Assen: Diskus, Stabhochsprung, Speer und 1500 m-Lauf. Frank Busemann, der Olympiazweite von 1996 Atlanta, kommentierte das Feld neben ARD-Moderator Lufen wie ein Pferderennen. Er hatte die Punktezahlen für die Ergebnisse bei jeder Disziplin im Kopf und sagte voraus, was Niklas Kaul erreichen müsste, um seine Chance letztendlich zu bewahren. Nach seinem sensationellen Speerwurf auf über 90 Meter – soweit warf noch nie ein Zehnkämpfer – war Busemann sich sicher. Jetzt darf er sich nur nicht verlaufen, meinte er. Der abschließende 1500 m Lauf war dann eine Demonstration seiner Stärke. Mit großem Vorsprung lief der 21-jährige ins Ziel und wurde Weltmeister. Chapeau!!!

Dagegen waren die drei Damen beim Diskus eher Randfiguren. Die einstige deutsche Paradedisziplin wird nun von zwei Kubanerinnen beherrscht. Es war eine Augenweide, ihre Würfe zu verfolgen. Die Scheibe flog mit absoluter Ruhe durch die Luft, während sie bei unseren Sportkameradinnen wie Espenlaub zitternd entweder direkt ins Netz oder an den Rand der erlaubten Fläche flog.

Hut ab vor der 4X100 m Staffel der Männer. Sie liefen mit 38,25 sec im Bereich ihrer Möglichkeiten Bestzeit, hatte aber gegen die Stars aus den USA, Großbritannien, Japan und Jamaika keine Sonne.   Dagegen waren die deutschen Staffeldamen erfolgreicher. Sie wurden letztendlich Fünfte.

Dabei zeigten die Chinesinnen eine SlapStick-Einlage, wie ich sie so noch nie gesehen habe. Beim letzten Wechsel wollte die Stabinhaberin den Stab an ihre Kameradin abgeben und fuchtelte furchterregend nach rechts. Ihre Partnerin fuchtelte ebenso eindrucksvoll nach links. Dann überliefen die beiden die Wechselmarke. Dies bemerkend eilten beide zurück und prüften in heftigem Diskurs, ob die Anfangswechselmarke zählt oder die zweite. Vorsichtshalber eilten sie zur Anfangsmarke. Dort standen sie. Es kam aber immer noch nicht zur Stabübergabe, weil die mit dem Stab auf einmal vor der stand, die den Stab übernehmen sollte. Dann schafften sie die richtige Reihenfolge. Inzwischen war aber ein Weiterlaufen nicht mehr möglich, weil die anderen sieben Staffeln, also 28 Läuferinnen, sich auf den Bahnen ausruhend, verteilten. Ein Durchkommen war nicht möglich, da ja ein Bahnwechsel die sofortige Disqualifikation bedeutet hätte. Die Slapstickeinlage hätte noch einen besonderen Akzent bekommen, hätte die Chinesin eine auf ihrer Bahn vor Erschöpfung sich ausruhende andere Läuferin höflich gebeten, die Laufbahn frei zu machen. Wie ich die chinesischen Trainingssitten einschätze, werden die beiden Damen bei Wasser und Brot in die Wüste Gobi geschickt, um jeden Tag hundertmal Stabwechsel zu üben.

Auch der Speerwurf mit Weltmeister Röhler war eine ziemliche Enttäuschung. Aufgrund der Klimaanlage im Stadion wussten alle, dass die Flachwerfer im Vorteil seien. Dies interessierte nur die deutschen Recken nicht. Als Flachpfeifen warfen sie ihren Speer zu steil, als wollten sie im Stadion die Lampen ausschießen.

Das Fußballspiel der Nationalmannschaft gegen Estland wurde in Tallin mit 3 : 0 gewonnen. Mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen. Das Spiel war so zerfahren und langweilig, dass ich nach 30 Minuten Mitleid mit den Akteuren hatte und ausschaltete. In der letzten Glosse erlaubte ich mir hinzuweisen, dass Sportkamerad Tah nicht in die Nationalmannschaft gehört. Er war auch nicht mehr dabei. Dafür aber Imre Can, der für mich auch nicht mitspielen sollte. Dieser Meinung schloss sich der bulgarische Schiedsrichter an, der ihn nach einem Foul unter die Dusche schickte. Juventus Turin hat gewusst, warum sie Can nicht in der Spielerliste für die CL-League berücksichtigte.

Dagegen zeigten uns die Briten, wie man völlig sinn- und wertfrei eine gewaltige farbenfrohe Show abziehen kann. Am Queens Speech Day wird eine prächtige alte Kutsche eingesetzt, mit zig Pferden davor und dahinter, deren Reiter in historischen Gewändern so tun, als ob sie die Königin mit ihrem Leben verteidigen müssten. Dahinter wird die die eigentliche Krone getragen, die der Inhaberin mit ihren 93 Jahren auf dem Kopf zu schwer ist. So lugt nur ein zierliches Krönchen aus dem Fenster der Kutsche. Unter der Krone kann man das Gesicht Elisabeths II. eher vermuten als sehen. Wie von Boris Johnson zusammengefaltet, schaut Elisabeth aus dem Fenster. Es zieht sich, bis die Truppe dann vor dem Saal angekommen ist. Dort wartet das gemeine Volk. Der gemeinste unter ihnen ist Boris, und das sieht man seinem Schelmenblick an, der die Rede für Elisabeth geschrieben hat, die sie nun ablesen muss.

Dabei wissen alle, dass alles erstunken und erlogen ist. Johnson hat keine Mehrheit im Parlament, er kann nicht mehr regieren. Warum Elisabeth nicht vorher den Bettel hingeworfen und erklärt hat, dass sie den hohlen Unsinn nicht weiter mitmacht, ist mir unklar.

Unterdessen wursteln sich die Teams aus dem Biotop Bundesliga mehr schlecht als recht durch die Gruppenphase der CL und der EL – Ausnahme Bayern München -. Dabei war das Auftreten des BVB bei der 2: 0 Niederlage beim AC Mailand peinlich und die Vorstellung von Bayer Leverkusen mit einer Klatsche nach der anderen ( 3 ) geradezu katastrophal. Jetzt hat Eintracht Frankfurt seine Chance bewahrt, hinter Arsenal in der EL Gruppenzweiter zu werden. Sie gewannen ihr Heimspiel gegen Lüttich mit 2 : 1, obwohl die Mannschaft aus Belgien versuchte, (laut Steffen Freund) „ das Spielfeld ständig klein zu halten“. Ich versichere, es ist während der ganzen 90 Minuten gleich groß geblieben.

Viel mehr gibt es über das aktuelle Geschehen nicht zu berichten. Deshalb ist es mir wichtig, einmal der Frage nachzugehen, ob Erscheinungen rund um den Fußball ein frühes Zeichen für gesellschaftliche Veränderungen sind. M.E. muss man die Frage mit ja beantworten.

Da gibt es beim Drittligisten Chemnitz eine Nazigruppe, die Hass gegen Andersdenkende predigt und offen faschistisches Gedankengut zum Ausdruck bringt. Jüngst ist deshalb der Geschäftsführer des Vereins zurückgetreten. Hier und bei anderen Gelegenheiten (Pegida und ausländerfeindliche Aktionen) zeigt es sich, dass im früheren Geltungsbereich der DDR  der Faschismus nie aufgearbeitet wurde. Deshalb laufen jetzt dort soviel Neonazis herum. D.h. nicht, dass eine Dortmunder Szene z.B. mit rechtsradikalen Umzügen negiert werden darf. Aber in dieser flächendeckenden Häufigkeit, angefüttert noch durch eine vermeintliche persönliche Benachteiligung, profitiert die AFD, die laut ihrem Vorsitzendem Gauland  den rechtsextremen Hetzer Höcke in ihren Reihen als Mitte der AFD ortet.

In Bulgarien wurden bei einem Qualifikationsspiel die farbigen Spieler der englischen Nationalmannschaft mit Hitlergrüßen und Affenlauten „begrüßt“, belegt durch die TV-Aufnahmen. Nationaltrainer Balakow (früher VfB Stuttgart) hat dagegen das alles weder gesehen noch gehört. Deshalb sollte er unverzüglich dem betreuten Wohnen zugeführt worden. Dem ist er jetzt zuvor gekommen, indem er seinen Rücktritt erklärt hat.

Dann gibt es den völkerrechtswidrigen Angriff der türkischen Armee auf Nordsyrien, sofort von Spielern türkischer Abstammung auf dem Spielfeld politisiert, indem sie den Grüßaugust für die türkische Armee z.B. nach einem erzielten Tor spielten.

Unterm Strich sind das alles Marionetten von Nationalisten und Neonazis in feinem Zwirn. Aber ein Sport, der die organisierte Politik in seine Arenen lässt, riskiert, zum Instrument von politischen Strippenziehern gemacht zu werden. Hier sind FIFA, UEFA und der DFB gefordert. Nur konkrete Maßnahmen helfen den Vereinen, gegen die Brut, die sich als Fans zu sein vorgibt. Die Appelle mit prominenten Fußballern gegen Rassismus, z.B. vor Länderspielen, sind ohne spürbare Gegenmaßnahmen sonst nur Schall und Rauch. Der Fußballplatz darf nicht zum politischen Kampfplatz werden. Nur Spielabbrüche, Punktabzüge oder Disqualifikationen im nationalen wie internationalen Spielbetrieb werden wirksam sein.

Vorbildlich Flagge gezeigt hat jetzt der FC St. Pauli. Der Vorstand schloss Cenk Sahin vom Training und Spielbetrieb aus, nachdem er offen seine Unterstützung für den völkerrechtswidrigen Militäreinsatz der Türkei in Syrien bekundete.

Über den Sport hinaus müssen wir uns fragen, wann und wo in Deutschland wieder Synagogen brennen. Ein Rechtsradikaler wollte in Halle Juden in der Synagoge umbringen. Lediglich eine standhafte Tür hinderte ihn daran. Das ist nach den Erfahrungen mit dem „Dritten Reich“ ein unerhörter Vorgang, der mehr auslösen muss als reflexartiges Bedauern und das Aufstellen von Lichtern. Es ist in diesem Jahr der zweite von Rechtsradikalen verübte politische Mord. Diese Häufung von Gewalttaten zwingt uns Demokraten auf die Urheber hinzuweisen, die den Faschismus mit 50 Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg als Vogelschiss bezeichnen. Von dieser Warte ist es mir völlig unverständlich, wie fast 24 % in Thüringen AFD wählen konnten.

Es ist höchste Zeit, dass der Deutsche Bundestag die Instrumente bereit stellt, um die wirksam zu bekämpfen, die den deutschen Rechtsstaat verunglimpfen und letztendlich zerstören wollen. Rosa Luxemburgs Satz, wonach „Freiheit immer die Freiheit auch des anderen ist“, ist aktueller denn je. Hier darf es keine Toleranz gegenüber denen geben, die uns Demokraten die Freiheit nehmen wollen.

Siegbert Heid, 01.11.19