Wer glaubte, Fußball ginge in die Sommerferien, der irrte. Da begann in Frankreich die Frauen-WM, die Qualifikation der Männer für die nächste EM wurde fortgesetzt und schließlich quälte man sich durch Halbfinale und Finale der überflüssigen Nations‘ League.

Neben Portugal erreichte Holland das Endspiel der neu erfundenen Nations‘ League. Letztere gewannen das Halbfinale gegen England. Dabei führten die Engländer in der Verlängerung nach zwei Toren gegen sie, echt trockenen britischen Humor vor. Zuvor präsentierten sie dem Publikum haarsträubende Fehler. So spotteten dann auch die eigenen Gazetten. Der Daily Mirror schrieb von den Architekten des eigenen Unterganges oder warnte davor, „ es wird nicht einfacher, England zuzuschauen.

Das Endspiel gewannen die Portugiesen mit 1 : 0. Wie immer war unser Freund Béla Réthy als Kommentator auf der Höhe des Geschehens. „ Der Schuss zum 1 : 0 musste so kommen, sonst wäre er nicht reingegangen“. Wo er Recht hat, hat er recht. Da konnte auch der beste Innenverteidiger der Welt, van Dijk, nicht helfen. Gleichwohl äußerte Béla zweimal seinen Respekt vor der Zweikampfstärke des Spielers. Einmal ging ein Portugiese zu Boden, „ wenn ein van Dijk einem über den Weg läuft, dann fällt man halt um“ und bei einem Ausweichmanöver eines Portugiesen, „ das war gut, bevor er sich bei van Dijk den Schädel prellt“.

Gleich das erste EM-Quali-Spiel, Faroer-Inseln vs. Spanien ( 1: 4) lieferte das Kacktor des Monats. So bewertet Sonntagsabends Arndt Zeigler in seiner Sendung ein kurioses Tor. Neulich war es das Tor aus einem Spiel der Kreisliga in Norddeutschland. Bei starkem Gegenwind schlug der Tormann den Ball aus der Hand ab. Der Ball flog hoch in die Luft und über dem Torwart unerreichbar zurück ins eigene Tor. Auf Faroer war es nicht der Wind, sondern der rechte Pfosten. Ein Spanier schoss sehr scharf an denselben. Der Ball kam im Rücken des Torwartes wieder zurück und reflexartig boxte der Torwart den Ball ins eigene Tor. Er hatte kurzfristig die Orientierung verloren. So dachte er, das wäre die richtige Richtung. Ein Irrtum, wie er aber sofort bemerkte. Selbst die spanischen Moderatoren, die  sonst jedes Tor in einer nicht endend wollenden Kakaphonie von Torschrei bejubeln, blieben ruhig und bedauerten den armen Kerl unter seiner Mütze.

Im zweiten Gruppenspiel trat Deutschland in Weißrussland an und gewann 2 : 0.  Die Gastgeber hatten einen 9-10 Mann-Bus vor das eigene Tor gestellt. Dagegen war schwer anzuspielen, zumal man keinen Kopfballspieler im Sturmzentrum hat. Zudem verfing sich in der Regel der letzte Pass in den Beinen eines Weißrussen. Nur zweimal konnte man den Gastgeber verwirren und prompt zu Toren kommen.

Bevor es mit der EM-Qualifikation im September weitergeht, bescherte uns die Nationalmannschaft gegen Estland mit 8 : 0 ein Schützenfest. Herausragend war das Freistoßtor von Reuß zum 5 : 0. Den Freistoß malte der Dortmunder wie ein Künstler aus ca. 25 Metern in den Dortmunder Abendhimmel oben rechts ins Eck.

Sané schoss eigentlich drei Tore. Das Erste wurde wegen Abseits zu Unrecht vom türkischen Linienrichter nicht anerkannt. Vielleicht war er noch im Ramadan-Modus oder hatte die Regel für Abseits gerade in seiner Hosentasche nicht parat. Sein zweites Tor wurde ihm aberkannt, weil der tatsächlich im Abseits stehende Gnabry dem Torwart angeblich die Sicht versperrte. Das dritte Tor war tatsächlich Abseits. Jetzt aber hatte der Linienrichter ein Einsehen. Die Fahne blieb unten. Der wackere Linienrichter lehrte uns, dass Wahrnehmung Realität ist, auch wenn das manchmal nur schwer akzeptiert werden kann. Schließlich fand noch ein Wunder auf dem Platz statt. Das 7 : 0 schoss Sportkamerad Werner. Zu meiner Verblüffung wusste er, wo das Tor steht.

Frauenfußball ist eine Angelegenheit, die man ansehen muss. Da gibt es Überraschungen, die einem den Atem nehmen. Da gibt es die Torfrau von Jamaika, ein hübsches durchtrainiertes Model. Gegen Frankreich trug sie ein türkisfarbenes Leibchen über ihrer wohlgeformten Brust und darunter gleichfarbene Hotpans und lange ebenso türkisfarbige Strümpfe bis zu den Oberschenkeln.  Jeder brasilianische junge Fußballmillionär würde sich gern der jungen Dame widmen. Es spielte auch keine Rolle, dass die Französinnen ihr fünf Tore einschenkten.

Dabei ist es nicht so, dass ich jedes Spiel ansehen würde, aber gelegentliche Bonmots will ich mir auch nicht entgehen lassen. So gibt es bei langweiligen Spielen, bei denen man begleitend die Zeitung liest, Sprüche der Kommentatorinnen, die in ihrer Schlichtheit umwerfend sind, z.B. „ Die Schwedinnen arbeiten zur Zeit an der Lösung der Frage: Wie bekomme ich den Ball ins Tor?“ Wer arbeitet daran nicht?

Die Französinnen begannen die Frauen – WM im eigenen Land gegen Südkorea mit einem     4 : 0. Sie spielten ebenso gut wie einfach gestrickt. Mit der Spielerin Renard ( 1,87 m groß ) stellten sie, wann immer möglich, die Spielerin in etwa auf den 11-m-Punkt. Dann kam ein Eckball oder eine Flanke, die Dame sprang hoch und ihre kleine koreanische Gegnerin kam dagegen gerade auf Busenhöhe, wenn sie den Arm ausstreckte. Prompt fielen so zwei Tore. Dazu hatten die Französinnen im Gegensatz zu den Koreanerinnen beeindruckende Pferdeschwänze. Die gibt es auch bei anderen Teams. Aber die Damen in Bleu haben die Längsten. Wenn es danach geht, werden sie den Titel gewinnen, nahm ich an.

Bei einem Freistoß für die Französinnen, zeigte die Kamera auf die perfekt gepflegten Fingernägel der Dame. Das Rouge auf ihren Nägeln korrespondierte haarscharf mit dem Rouge auf ihren Lippen und dem Rot ihrer Stutzen. So etwas zeigen sie bei Männern nie. Da hätten die Lümmel Neymar oder Dembéle noch Entwicklungspotential. Dazu fällt mir der gescheite Satz der französischen Schriftstellerin Francoise Sagan ein: „ Eine eitle Frau braucht einen Spiegel. Ein eitler Mann ist sein eigener Spiegel.“

Neben den Französinnen mit ihren mächtigen Pferdeschwänzen auf dem Platz, griffen die deutschen Damen die Haartracht „Pferdeschwanz“ auf, womit sie ohne Bedauern hinwiesen, dass sie die auch haben, ohne allerdings Eier nachweisen zu können. Das zielte auf Gleichberechtigung und Augenhöhe mit männlichem Machogehabe. Freund Walter erinnerte in diesem Zusammenhang an einen Uraltwitz: In einer Heiratsannonce sucht eine Dame „ einen vermögenden Mann mit Pferdeschwanz, Frisur egal“.

Nach dem 1 : 0 Sieg gegen überharte Chinesinnen – Zehenbruch von Maroszan und von dieser Härte völlig überforderte Schiedsrichterinnen- folgte der zweite 1 : 0 Sieg gegen Spanien. Da gab es wieder seltsame Gegebenheiten. Die Spanierinnen spielten von Anfang an sehr offensiv in die Schnittstelle zwischen den beiden weit auseinander stehenden Innenverteidigerinnen und der Viererkette davor. Mittendrin so frei, bekam die schnelle Stürmerin Garcia den Ball weit nach vorne gespielt. Sie rannte um ihr Leben. Hinter ihr hechelten die deutschen Damen. Überwältigt von dem Bild meinte Kommentatorin Neumann nach dem zweiten blitzschnellen Angriff  „ Garcia wird von der eigenen Geschwindigkeit überholt“. Das war aber nur eine leichte Übertreibung. Die deutschen Damen spielten unkonventionell. Genialen Abwehraktionen folgten haarsträubende Fehl- und Querpässe vor dem eigenen Strafraum. Einmal lag der Ball im eigenen Strafraum vor unserer Abwehrspielerin. Statt den Ball hinter die Tribüne zu befördern, schaute sie ihn nur fasziniert an. Prompt stiebitzte ihn eine quirlige Spanierin. Die schossen aber wie ihre deutschen Gegenspielerinnen überall hin, nur nicht aufs Tor. So blieb es beim mit Glück, Geschick und Herzblut verteidigten 1 : 0 Sieg.

Die in Spanien nicht zimperliche Presse, sprach davon „ Spanien habe gespielt, Deutschland aber getötet“ (AS) oder Marca: „ Jungs oder Mädels, es ist egal, im Fußball gewinnt immer Deutschland.“ Das hat dann die französische L’Equipe relativiert. Sie ernannte die DFB-Auswahl zu Antifavoritinnen. Und da hatte sie sehr wohl recht.

Ärgerlich sind die vielen, zum Teil absurden Fehlentscheidungen, obwohl mit Videobeweis gearbeitet wird und maximal sieben Personen an der Entscheidungsfindung beteiligt sind. Da gibt es 11-m, die keine sind oder Eckbälle, ohne dass der Ball im Aus war etc. pp.

Das zweite Spiel der deutschen Damen wurde gegen körperlich überharte Südafrikanerinnen  4 : 0 gewonnen. Man ist damit Gruppensieger, allerdings ohne jeden spielerischen Charme. Sie spielen so herb, wie ihre Trainerin aussieht.

Auch im vierten Spiel (Achtelfinale) konnten uns unsere Damen nicht überzeugen. Einzelleistungen sicherten den 3 : 0 Erfolg gegen Kamerun. Es war kein Rhythmus im Spiel. Gelegentlich wurde man an den Rumpelfußball der Männer zu Ribbecks Zeiten erinnert. Positiv ist allerdings die Leistung der Hinterfrauschaft. Sie ließ bisher kein Gegentor zu.

Das zweite Kacktor des Monats mussten die Französinnen im Viertelfinale gegen die besseren Damen aus den USA hinnehmen. Die langen Pferdeschwänze haben ihnen leider nichts genutzt. So verloren sie mit 2 : 1. Der US-Weltstar Rapinoe schoss dieses Kacktor zum 1 : 0 als Freistoß von lins. Wie radargesteuert entschlüpfte der Ball der vielbeinigen französischen Deckung. Die Sportkameradinnen hauten ihn nicht weg, sondern agierten nach der Devise: Nimm Du ihn, ich hab ihn sicher. Dann kullerte er an der verdutzten Torfrau vorbei ins Netz. Den US-Star konnten sie nicht aus dem Spiel nehmen. Sie schoss auch das Tor zum 2 : 0. Die deutschen Damen verloren verdient mit 2: 1 gegen Schweden und beendeten ihre Tour de France. Es war ein rassiges Fußballspiel. Schade, dass sie als Olympiasieger von Rio nun 2020 in Tokio nicht dabei sind.

Die USA wurden zum 4. Mal Weltmeister. Sie gewannen gegen die Mädels aus den Niederlanden mit 2 : 0. Ihnen am nächsten kamen die Französinnen und die Engländerinnen, die allerdings von den Amerikanerinnen in den KO-Spielen rausgekegelt wurden. Das Niveau der deutschen Damen ist eine Stufe darunter anzusetzen. Sie befinden sich auf gleicher Ebene mit den Niederlanden und Schweden, dicht gefolgt von den Spanierinnen und den augenblicklich noch dahinter befindlichen Italienerinnen. Für das deutsche Trainerteam war einfach von der Qualität der jungen Spielerinnen her nicht mehr zu erreichen. Auch hier musste man mit den Mädchen tanzen, die auf der Kirmes waren. Falls der DFB nicht mehr für den Frauenfußball unternimmt, wird die Damennationalmannschaft aber unweigerlich international zweitklassig.

Gleichzeitig begann die U-21-EM mit Titelverteidiger Deutschland in Italien. Das Spiel Italien (fünfmaliger Europameister) vs. Spanien (viermaliger Europameister) versprach Spannung. Mit ihrem Kurzpassspiel kombinierten die Spanier ihre Kontrahenten schwindlig und führten mit 1 : 0. Nach einer halben Stunde  begannen die Italiener brutal hart zu spielen. Es setzte Fouls und gelbe Karten ohne Ende. Der Kommentator glich dem Kampf seine Sprache an. Nach einem Zusammenprall im Strafraum meinte er: „ Der Spieler blutet nicht und die Haare sind auch noch dran. Also kann es weitergehen“. Die Spanier waren von der harten Gangart so verängstigt, dass sie schließlich die Schlacht mit 3 : 1 verloren.

Einfacher hatte es die deutsche Mannschaft mit ihrem 3 : 1 Sieg gegen Dänemark. Dem folgte ein 6 : 1 gegen Serbien. Gleichwohl sind die Deutschen für mich nicht der Favorit auf den Titel. Was im letzten Gruppenspiel die Spanier beim 5 : 0 gegen Polen aufzogen, war wie von einem anderen Stern. Die Polen wurden wie Hasen über den Platz gescheucht. Das letzte Gruppenspiel gegen Österreich endete 1 : 1. Deutschland hat damit das erste Ziel erreicht: Gruppensieg und Qualifikation für Olympia in Tokio. Das Unentschieden wurde aber nur mit viel Glück erreicht. Torschütze Kleinschmidt: „ Ich habe keinen Anspielpartner gesehen und dann habe ich das Tor gesehen“. Er weiß also, wo das Tor steht.

Die Österreicher, die viel Pech hatten, spielten mit untypischem Eifer. Ihrem Trainer gelang es, ihnen den Geist von Cordoba (Argentinien) einzuimpfen. Die Älteren unter uns können sich noch erinnern.  Bei der WM 1978 gelang ihnen ein 3 : 2 Sieg über die deutsche Nationalmannschaft. Der österreichische Rundfunkreporter Edi Finger, vor Jahren gestorben, machte sich unsterblich mit seinem Ausruf nach Hans Krankl drittem Treffer: „I werd narrisch“. Unser aktueller Reporter konnte da mit seinem Spruch nicht gleichziehen. Als nämlich Mitte der zweiten Hälfte, nachlassenden Kräften geschuldet, einige Zeit „Stehfußball“ gespielt wurde, konnte er sich nicht zu sagen verkneifen: „ Das Tor ist nicht das Einzige auf dem Fußballfeld, das sich nicht bewegt“. Origineller war er bei der Vorstellung der Ergänzungsspieler: „ Das ist unser Bankkapital“.

Coach Stefan Kuntz hatte seine eigene Bewertung: „ Die Erfahrung, ein paarmal den inneren Schweinehund zu besiegen, noch einmal einen Schritt zu machen, obwohl du deine Beine am Postschalter  beim Paketdienst zur Beförderung abgeben kannst, hilft uns hoffentlich weiter“. Und abschließend: „ Das Spiel war für mich eine geile Erfahrung, auch wenn es bei mir eher zum Herzstillstand geführt hat“.

Sowohl beim Damen- wie beim Juniorenturnier drängt sich mir ein Vergleich mit Baseball auf. Die Torfrau oder der Torwart kann durch seine Klasse keinen Sieg erspielen, wohl aber eine Niederlage verhindern. So ergeht es auch dem Baseballteam mit einem guten Pitcher. Auf dem Mound kann er durch seine Würfe dafür sorgen, dass die gegnerischen Schlagmänner keinen Erfolg haben. Ohne unsere herausragenden Pitcher Markus Solbach und Sascha Koch wären wir (1. Bonner Baseball- und Softballclub Bonn Capitals ) nie Deutscher Meister geworden.  Hätten die Spanier nicht so einen Flattermann im Tor gehabt, hätten sie gegen die Italo-Brutalos nicht verloren. Sie sind trotzdem Gruppensieger geworden. Im Spiel gegen die Polen waren sie spielerisch so überlegen, sie hätten auch ohne Tormann spielen können. Bei den Damenteams in Frankreich ist die Bedeutung der Torfrau noch auffälliger. Wir können von Glück sagen, dass wir bei beiden Teams im Tor gut vertreten waren, bei den Damen mit Almuth Schult und bei den U-21-Herren mit Alexander Nübel.

Im Halbfinale der U-21 gewann die deutsche Mannschaft in einem sensationellen Spiel mit   4 : 2 gegen Rumänien. Die Rumänen mit ihren Superstars Puscas ( 2 Tore ) und Hagi spielten in der ersten Halbzeit wie von einem anderen Stern und lagen 2 : 1 in Führung. Dann aber ging ihnen konditionell die Luft aus. Nach dem Ausgleich spielte nur noch unsere U-21 und kam mit zwei späten Toren zum Erfolg. Das war Fußball gespielt und gleichzeitig gekämpft auf hohem Niveau:- Chapeau!!

Das Endspiel gegen Spanien, das mit 2 : 1 verloren ging, konnte ich nicht sehen, weil ich im Flugzeug zurück nach Bonn/Köln geflogen bin. Deshalb enthalte ich mich mit einem Kommentar.

Siegbert Heid, 08.07.19