Vor meiner Tour nach Fuerte begleitete ich die stellv. Vorsitzende des Bonner Stadtsportbundes zur 100-jährigen Jubiläumsfeier eines Bonner Rudervereines. So kam ich in den Genuss eines Small Talks mit dem neben mir sitzenden Olympiasieger Prof.Dr.Wolfgang Maennig ( Achter, 1988 in Seoul). Das kommt ja nicht alle Tage vor, dass man neben einem Olympiasieger sitzt. Er war als Festredner geladen. Zuvor aber brachte der Präsident des Deutschen Ruderverbandes ein Präsent mit. Er schmückte es in die Worte: „Lieber ein Onkel, der etwas mitbringt, als eine Tante, die Klavier spielen kann.“ Das hob die Stimmung im Saal ungemein. Dieses Zitat wollte ich festhalten.

Der Würfel ist geworfen worden (Alea iacta est), die Fußballsaison 2018/2019 ist mit dem Champion’s League Finale Liverpool vs. Tottenham endgültig Geschichte. Nachdem Cäsar scheinbar würfelte (er war ja ein gewaltiger Spieler und Spekulant), überschritt er 49 v.Ch. den Grenzfluss Rubikon zwischen der Provinz Gallia Cisalpina und dem eigentlichen Italien mit seinem Heer, gegen den ausdrücklichen Befehl des römischen Senats. Das war der Beginn eines weiteren römischen Bürgerkrieges.

Beim Fußball in dieser Saison fielen die Würfel mal für den einen gewinnbringend und für den anderen verlustreich, bis zum Abstieg aus der Liga.

Ich schreibe dies etwas geschraubt, weil meine Lieblingsreporterin Sabine Töpperwien, verh. Hertel und Sportchefin im WDR, bei jedem Fußballspiel, das sie überträgt, irgend etwas historisch einmaliges berichten will, auch wenn die Begegnung in der Richtung einfach nichts hergibt.  Zudem kann sie sich als Chefin das jeweils wichtigste Spiel heraussuchen. Auf den Gedanken, z.B. Paderborn gegen Augsburg zu übernehmen, käme sie nie. So übernahm sie das letzte Spiel Gladbach vs. Dortmund. Zu meiner Enttäuschung brachte sie aber nichts historisch Einmaliges auf die Reihe. Ich hätte mindestens mit dem Satz gerechnet: „ Hier stand vor 45 Jahren Günther Netzer an der Mittellinie und ließ einen Furz“. Aber es kam nichts. So muss ich jetzt lange Wochen warten, bis sie sich wieder meldet.

Was halten wir abschließend für die Saison fest?

Auf FIFA-Ebene hat sich Infantino anfängerhaft verspekuliert. Man muss von ihm nur wissen, dass die Schönheit des Fußballspiels mit dem finanziellen Reibach endet. Er könnte auch etwas anderes verkaufen. Mehr muss man von ihm nicht wissen. Er wollte die WM 2022 in Quatar statt mit 32 Teams nun mit 48 Teams starten lassen. Die Idee war abenteuerlich und politisch nicht durchsetzbar, weil neben Quatar noch andere Länder hätten ins Boot geholt werden müssen. Es war Reinhard Grindel, der früh auf die Vernachlässigung wichtiger Fakten hinwies. Quatar war natürlich gegen diese Idee. Man wollte alleine und als erster muslimischer Staat eine Fußball-WM ausrichten. Erzfeind Saudi-Arabien schied als Mitveranstalter aus. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrein kamen nicht infrage. Beide Länder beteiligen sich in der Golfregion am politischen Boykott gegen Quatar. Oman hat frühzeitig auch sein Desinteresse mitgeteilt. Nach Kuweit konnte man wegen nicht muslimischer Gäste nicht. Dort herrscht ein strenges Alkoholverbot, für WM-Sponsoren und Fußballtouristen aus dem Westen eine undenkbare Situation.

Vielleicht hat Infantino vom Friedensnobelpreis geträumt, hätte er die verfeindeten Parteien über den Fußball zusammen gebracht. Dann wäre er größenwahnsinnig, was ich persönlich fest vermute.  So bleibt es dabei. Erst 2026 wird in den USA, in Kanada und in Mexiko mit 48 Mannschaften gespielt.

Das Champion’s League Finale (Liverpool vs. Tottenham Hotspur 2 : 0) war durch Elfmeter entschieden, bevor es richtig begann. In der 1. Minute sprang Tottenhams Sissoko der Ball an den Oberarm. Das war ebenso dämlich wie unglücklich, weil er den Arm ausgefahren hatte. Der slowenische Schiedsrichter Skominak, der sich durch seine Leistung in diesem Spiel für höhere Aufgaben qualifiziert hat, zögerte keine Sekunde. Der Würfel fiel zugunsten von L. Er fiel nochmals für L., als Salah den Ball so scharf schoss, dass der belgische Welttorhüter Lloris, zwar in die richtige Ecke fliegend, nicht mehr rechtzeitig die Hände hochbrachte, so dass der Ball direkt über ihm ins Tor flog. Jürgen Klopp wollte das Glück anschließend nicht mehr auf die Probe stellen. Er baute um und verstärkte umgehend die Abwehr. Die Roten spielten fortan Kick and Rush, wie aus der Zeit, aus der noch nicht die Milliarden in die Premier League flossen und die englischen Spieler weitgehend unter sich waren. Einzig Salah bildete die Spitze. Er wurde aber von seinem Gegenspieler Alderweireld so hauteng gedeckt, dass sie für den unaufmerksamen spanischen Zuschauer an der Strandbar von Gran Tarajal wie ein Liebespaar erschienen. T. spielte zwar gefällig bis ca. 20 m vor dem gegnerischen Tor. Dann war Ende der Fahnenstange, entweder bei der robusten Abwehr oder beim ausgezeichneten Torwart Becker. Das zweite Tor kurz vor Schluss war nur Kosmetik.

Hier sei eine Anmerkung zum spanischen Sportverständnis angebracht. Es interessiert den Spanier als solchen nur, wenn Spanier beteiligt sind. Das Bistro war zwar voll – innen wie außen -. Es mussten außen zusätzliche Tische aufgestellt werden. Außer mir aber verfolgten nur noch maximal ca. 8 Personen das Fußballspiel. Für die anderen war Samstagabend, d.h. Familientag. Sie wetteiferten dabei mit den drei Kommentatoren des Spiels. Da diese sehr laut sprachen, mussten die Familien ( 7-9 Personen) diese Lautstärke übertrumpfen, um sich verständigen zu können. Das schafften sie mühelos. Ich kam mir vor, als säße ich neben einer Startbahn für Flugzeuge.

Die Zeitungen verstärken diese Einstellung des Sportverständnisses nahtlos. Von der Eishockey-WM kam keine Zeile. Klar, es spielte auch kein Spanier mit. Von der Ruder-EM, keine Zeile. Die fand für die Spanier nicht statt, weil auch keiner dabei war. Platz im Sportteil gäbe es genügend. Aktuell schrieb man fünf Seiten über ein bedeutungsloses Spiel von Las Palmas ( Fußball) und fünf Seiten über ein ebenso bedeutungsloses Spiel von Herbalife Gran Canaria (Basketball).

Dabei möchte ich ein Bonmot von der Eishockey-WM nicht unerwähnt lassen. Nach dem Sieg gegen den späteren Weltmeister Finnland, meinte der Kommentator: „Dies ist ein Sieg für die Geschichtsbücher“. Ich vermute Sabine Töpperwien hat ihn ausgebildet. So in Fahrt ergänzte er noch: „Reporter Burkhard Hupe hat sich vor Freude Eiswürfel in die Hose gemacht“.

Das frühzeitige Ausscheiden der beiden spanischen Mannschaften Real Madrid und FC Barcelona kam für mich nicht sehr überraschend. Real hat den Weggang von Ronaldo nicht kompensieren können. Zudem sind die zentralen Spieler wie auch bei Barca alle über Dreißig. Zidane wird um einen Neuaufbau, wie die Katalanen auch, nicht herumkommen. Die spanischen Zeitungen, deren Kommentare ich hier lese, waren in ihrer Kritik nicht zimperlich. Am weitesten ging die Madrider Zeitung „El Mundo“. Bei Barcas Niederlage gegen Liverpool nach 3 : 0 und 0 : 4 sah sie die Katalanen „zerquetscht wie eine Kakerlake“. Das ist doch sehr gehässig und unsportlich gegenüber dem neuen spanischen Meister. Gegen den dritten spanischen Verein, Atlético de Madrid, erlebte Juventus Turin zwischenzeitlich nach drei Ronaldotoren eine festliche Stimmung. Der „Corriere dello Sport“ fasste es zusammen:          „ Ronaldo spielte wie ein Marsmensch mit drei Eiern“. Das wiederum geht auch zu weit. Das könnte höchstens seine aktuelle Freundin bestätigen.

Von den deutschen Teams blieb Bayern München noch am längsten in der Gelddruckmaschine. Das Fazit der deutschen vs. den englischen Teams ist allerdings verheerend: Bei sechs Begegnungen gab es nur ein Unentschieden; katastrophal war das      0 : 7 von Schalke vs. ManchesterCity. Das Torverhältnis: 3 : 17. Unter den drei Toren waren zwei Eigentore und ein Elfmeter. Kein Tor konnte aus dem Spiel heraus erzielt werden. Das muss zu denken geben.

Das Euro-League-Finale Chelsea vs. Arsenal ( 4 : 1 ) in Baku (Aserbeidschan) war in der 2. Halbzeit ein Ruhmesblatt für Offensivfußball. Mit dem belgischen Spieler Hazard hatte Chelsea einen überragenden Strategen auf dem Platz, der so eben nebenbei noch zwei Tore erzielte. Dagegen war Arsenals Stratege Özil auf dem Platz nicht zu sehen. Mitte der zweiten Hälfte hatte sein Trainer ihn schließlich gefunden und runtergenommen. Wie er ihn dort gefunden hat, ist mir bis heute noch unklar.

Politisch ist die Verlegung eines internationalen Fußballspieles nach Baku ein Unding. Die UEFA wusste, dass im Pressefreiheitsranking von „Reporter ohne Grenze“ sich das Land auf Platz 166 von 180 befindet. Kein anderes Land im Zuständigkeitsbereich der UEFA steht schlechter da. Trotzdem wurde Baku ausgewählt. Die Geldscheine kann man geradezu rascheln hören.  Das ficht die UEFA indes nicht an. Im kommenden Jahr finden drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale der Fußball-EM in Baku statt. Hauptsponsor ist die staatliche aserbeidschanische Ölgesellschaft Socar.

Diese von den Verbänden und Vereinen offen betriebene Geldgier wird in absehbarer Zeit hoffentlich einen „Shitstorm“ in sozialen Medien erleben. Sponsoren werden keine Millionen überweisen, um in schlechtes Licht gerückt zu werden. Da bin ich mir ziemlich sicher. Was denken meine Leser darüber?

Noch skandalöser ist, dass die UEFA es nicht fertig brachte, dem für Arsenal spielenden Armenier Henrich Michitarjan eine Schutzgarantie zu geben, nachdem sich Aserbeidschan und Armenien im kriegsähnlichen Zustand befinden. Er musste zu Hause bleiben.

Bayern München wurde Deutscher Meister und Dortmund Zweiter. Es hätte auch umgekehrt ausgehen können. Die Glückswürfel fielen einmal mehr für die Bayern. Dabei hätte Dortmund mit weniger Verzagtheit und mehr Selbstbewusstsein (Mia san mia) eigentlich das Rennen für sich gewinnen müssen.

Die Bayern gewannen auch den Pokal. Die Leipziger spielten zwar forsch und unerschrocken auf, aber wie so oft trafen sie nicht (zu Timo Werner fällt mir nichts Neues ein), während die effizienten Bayern drei Bälle versenkten.

Zwei kleine Anmerkungen aus der Spielbegleitung möchte ich festhalten:  Bei einer Abseitsentscheidung des Linienrichters meinte der Kommentator, „ das war zwar richtig gedacht, aber falsch gesehen“. Kann mir das jemand erklären?

Kommentator Delling schloss mit der epochemachenden Behauptung: „ Das Spiel hat anders angefangen, als es aufgehört hat“. Dem schließe ich mich vollinhaltlich an.

Schlussendlich stellte Bernd Hoffmann – Vorstand beim HSV- die Flexibilität der deutschen Sprache auf die Probe, indem er behauptet: „ Der Nichtaufstieg des HSV war der überflüssigste Nichtaufstieg der Fußballgeschichte.“ So etwas bekommt nur ein Nichthistoriker über die Lippen.

Unter die Förderer der deutschen Sprache reihte sich jüngst auch Arndt Zeigler, WDR, ein. Eine Spielsituation der Bundesligabegegnung Leipzig vs. München kommentierte er: „ Das war nicht Abseits, das war Knappseits“. Das hat mir gefallen.

Vor Beginn der Frauen-WM in Frankreich meinte die Nationaltrainerin: „ 23 Spielerinnen sind dabei . Ich bin mir sicher, dass wir gut performen können.“ Einmal von diesem entsetzlichen Deutsch abgesehen, glaube ich das nicht, nachdem ich das Spiel der Damen gegen Chile (2 : 0)  angesehen habe. Gut hat mir aber ein kleiner Werbebeitrag für die Mannschaft gefallen: „ Wir brauchen keine Eier. Wir haben Pferdeschwänze.“

Siegbert Heid, Fuerteventura, 02.06.19