Die deutsche Fußball-Kombinationsmaschine lief erst stotternd, dann aber von Spiel zu Spiel besser und zwar auf so hohem Standard, dass der eigentliche Sinn des Spieles, den Ball ins Tor zu bringen, etwas in den Hintergrund geriet.

Ein Spiel hatte für den Auf- und Abstieg der Fußballnationen in Europa Symbolcharakter. Es war die Begegnung Belgien vs. Schweden, das die Belgier 1 : 0 gewannen. Es war das letzte Spiel von Ibrahimovic in der schwedischen Nationalmannschaft, die sich damit in Richtung Europas 2. Liga. verabschiedete.   Wesentlichen Anteil hatte Belgiens Stürmer Lukaku, 1,93 groß und 95 kg schwer. Er bewegte sich im gegnerischen Strafraum wie ein Büffel, der reihenweise Schweden erlegte, falls er nicht gerade auf das Tor schoss. In diesem auch körperlichen Kampf wurden keine Gefangenen gemacht. Es war ein Kampf auf Biegen und Brechen, den letztendlich die Jüngeren gewannen.

Der Spielplan schuf nach der Vorrunde wegen einiger Favoritenpatzer eine eigenartige Konstellation. In der einen Hälfte, die den Endspielpartner ausspielte, sammelten sich die Außenseiter. In der anderen fuhren die Dickschiffe Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien und England aufeinander zu. In dieser Gruppe versammelten sich 11 Weltmeister- und 9 Europameistertitel. In der anderen Gruppe waren es Null. Die spanische Armada wurde von Italien versenkt (2 : 0). Auf einem Spruchband spöttelten Italiener schon vorher: Tiki-Taka ist Tiki-Kacka. Sie hatten Recht.

Diese Niederlage hat ausgereicht, um einmal mehr das langfristige Dilemma Spaniens aufzudecken, das nur zwischen 2008 und 2014 durch die Weltklassespieler aus Barcelona und Madrid übertüncht wurde. Die Fans halten von ihrer Nationalmannschaft nicht viel. Sie sind in erster Linie Fans ihrer Vereinsmannschaft. Man kann das täglich in den Sportzeitungen lesen, die an den Strandbars Fuerteventuras zum Inventar gehören. Bereits auf Seite 1 ist klar, wo die Redaktion sitzt. Nach der Niederlage gegen Kroatien hatten Atlético Madrid Fans eine böse Sottise über Sergio Ramos (Real) parat, nachdem derselbe einen 11-m verschoss: Ein zum Tode Verurteilter steht vor einem Erschießungskommando. „Ihr letzter Wille?“, fragt der kommandierende Offizier. Die Antwort: „Sergio Ramos soll schießen“. Der berühmte Philosoph Miguel de Unamuno sagte zu dieser Teilung des Landes in seiner Identität in Zeiten des spanischen Bürgerkrieges (1936-1939): „ Mir schmerzt Spanien“. Miguel ist der, der nach seiner Zeit der Abschiebung über Fuerteventura einst gesagt hat: „Fuerteventura – die Oase in der Wüste der Zivilisation“. Recht hat er bis heute.

Island hat das zweite Dickschiff, England, in der Biskaya in Grund und Boden geschossen. Sie bewiesen, dass in isländischen Hallen nicht nur unters Dach gekickt wird, d.h. hoch und weit. Beim zweiten Tor der Isländer (2:1) zeigte Torhüter Hart, dass auch er von der englischen Torwartkrankheit infiziert ist. Er ließ einen leicht haltbaren Ball passieren. Mein Freund Peter aus Karlsruhe traf ins Volle, als er beschrieb, wie der Torwart den Ball halten wollte: „ Der ist umgefallen wie eine Bahnschranke“. Gute englische Torhüter sind so selten auf der Insel wie ein Tag ohne Regen.

„ Jetzt hat Island England den tiefsten Siedepunkt besorgt“, meinte ein verwirrter Reporter Steffen Simon. Er ersetzte einige Zeit später den Siedepunkt durch den Tiefpunkt.

Nach dem Brexit nun der Exit. Man kann seiner Bevölkerung nicht jahrelang den Mist mit der EU vorbeten und am Schluss sagen, aber wir wollen doch drin bleiben, der Mist ist nämlich gar nicht so schlimm. Hier kann man der Kanzlerin nur zustimmen: „ Wer geht, der geht“. In Nordirland denken die Ersten über eine Wiedervereinigung mit Irland nach. In Schottland wird eine weitere Volksbefragung über den Verbleib im britischen Flottenverband kommen. Die Entscheidung wird klar sein: Nur weg von England und nach der Abstimmung sofort ein Antrag auf Mitgliedschaft in der EU. Das ist dann der klassische Schuss der Briten ins eigene Knie.

Ein Blick in die Geschichte würde den Briten helfen. 428 v.Ch. befand man sich in Griechenland im Peloponnesischen Krieg. Athen müsse seinen Seebund auflösen und die Verbündeten aus ihrer Abhängigkeit entlassen, war das Kriegsziel von Athens Gegnern. Da erklärte die Stadt Mytilene auf Lesbos ihren Austritt aus dem Seebund. Die Athener machten kurzen Prozess. Eine Flotte half nachdrücklich beim Umsturz und stellte das alte Verhältnis wieder her. Nach einer Abstimmung Athener Bürger sollten die Männer Mytilenes umgebracht werden, die Kinder in die Sklaverei verkauft und die Damen anderweitigen Verrichtungen zugeführt werden. Flugs wurde ein Schiff mit dem Vernichtungsbefehl losgeschickt. Thukydides berichtet, dass etlichen einflussreichen Bürgern die Strafe zu hoch erschien. In einer zweiten Kampfabstimmung gelang es ihnen, den Beschluss zu revidieren. Aus dem Exit wurde ein Rexit. Sie schickten ein Schiff mit 170 Ruderern los, das noch rechtzeitig auf Lesbos eintraf. Vielleicht kassiert ein neues englisches Parlament oder eine neue Regierung die erste Entscheidung? Da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Die nächsten Jahre werden interessant werden, sowohl für die Briten wie für uns. Welche Konsequenzen hat das z.B. für ausländische Fußballspieler in den britischen Ligen? Im letzten Jahr wurden auf Initiative des englischen Fußballverbandes die Bestimmungen für den Erhalt einer Arbeitserlaubnis verschärft. Darunter fallen jetzt alle Spieler aus EU-Ländern und EWR-Staaten wie z.B. Norwegen. Es muss z.B. vom Spieler ein gewisser Prozentsatz an Länderspielen nachgewiesen werden. Der „Guardian“ hat sich die Situation einmal näher angesehen. Danach sind zwei Drittel der 160 EU-und EWR-Spieler der Premier League nicht mehr spielberechtigt: Payet (Frankreich), De Gea (Spanien), Imre Can oder Robert Huth gehören dazu. Von den 53 Europäern in der schottischen Premier League bekäme kein einziger eine Lizenz.

Das erste 1/8-Finale Schweiz vs. Polen 5 : 6 i.E. war spannend. Die Schweizer spielten spanisch für Fortgeschrittene (Tiki-Taka), Polen geradliniger. Der Ausgleich zum 1: 1 der Schweizer durch Shaqiri war ein Seitfallhechtsprung, Favorit für das nächste Tor des Monats. Die Schweizer Trikots hielten diesmal, nicht aber der Ball. Die Schweizer traten zum zweiten Mal den Spielball kaputt. Die Verlängerung war sehr zäh. Die Polen wollten den Gegner zur Offensive locken, um mit einem Gegenstoß (Lewandowski) zu frohlocken. Zusätzlich wussten sie, die Schweizer sind im 11-m Schießen noch schlechter als die Engländer.

So schuf die EM auch tragische Helden. Xhaka, der beste Schweizer im Spiel, versemmelte den entscheidenden Elfmeter. McAuly, Nordirland, besiegelte mit einem Eigentor das Ausscheiden seiner Mannen. Perisic, Kroatien, köpfte beim 0:1 gegen Portugal in der 116. Minute gegen den Pfosten. Im Gegenzug schoss Ronaldo das erste Mal auf das Tor. Den Ball bekam der Torwart nicht unter Kontrolle und Queresma staubte zum Sieg ab. Hier muss auch Schweinsteiger eingeordnet werden. Beim 11-m-Wettbewerb mit Italien hätte er die Möglichkeit gehabt, das Siegtor zu schießen. Statt als strahlender Held geht er jetzt nach seinem Handspiel gegen Frankreich als tragischer Held in die Annalen der EM-16 ein.

Die schlauen Überlegungen rund um den Platz nehmen zu. An Dettmar Cramers“Zunahme der Breite in der Spitze“ habe ich im letzten Steilpass erinnert. Jetzt informierte uns der Fußballsachverständige Lewandowski über Boatengs Rechenkünste vor dem dritten Tor gegen die Slowakei. Tor und freier Halbkreis davor = pi mal r mal r (also r im Quadrat – ich bekomme die zwei nicht hoch). Das war der Halbkreis, in dem kein gegnerischer Spieler stand. Das hat der Jerome blitzschnell ausgerechnet und danach geschossen. Das muss man als Spieler heute offensichtlich können. Ich war ganz fertig. Die Schiedsrichter haben zur Markierung bei Freistößen jetzt eine Markierungshilfe. Ich plädiere dafür, den Spielern eine Rechenhilfe mitzugeben, damit sie sich das im Zweifel schnell ausrechnen können.

Bei so viel Tiefsinn wollte Mario Götze auch einen Beitrag leisten. „Mal ist man der Hund, mal ist man der Baum“, umschrieb er Sieg oder Niederlage in einem Fußballspiel. Eric Cantona, früheres Fußballidol Frankreichs, lobte ihn für diesen köstlichen philosophischen Unsinn. Es ist ja auch alles kompliziert, vor allem für Schüler, die gerade das Rechnen mit Brüchen erlernen. Warum sind im 1/8-Finale mehr Teams als im 1/4-Finale, obwohl 1/8 weniger als 1/4 ist ? Ende der fünfziger Jahre hat das beim KSC einmal eine Rolle gespielt. Ein aus Wuppertal kommender Nationalspieler sollte anteilmäßig mit 1/3 an einer Tankstelle beteiligt werden. Das lehnte derselbe ab und forderte mindestens 1/4.

Bis heute gibt es bei uns zu Hause auch ein ungelöstes Problem. Wir haben für innen und für außen (Terrasse z.B.) je einen dafür extra vorgesehenen Handfeger. Meine Frage, welchen Handfeger ich nehmen soll, wenn von außen ein Blatt z.B. nach innen weht und entsorgt werden soll, ist bis heute von der Erfinderin der zwei Besen logisch nicht zufriedenstellend gelöst.

Insgesamt ist die EM farbig wie nie. Das beginnt bei den Trikots mit Ausnahme der deutschen und italienischen Mannschaft. Torhüter wie Buffon (Italien) oder De Gea (Spanien) tragen verschiedenfarbige Handschuhe – warum? – und ungezählte Fußballer tragen zu ihrer Haartracht in diversen Konfigurationen verschieden farbige Fußballschuhe. Die Fußballwelt ist bunter geworden. Die Belgier wurden im Frisurenwettbewerb Europameister. Der rauchende Irokese Nainggolan, der bei der Niederlage (1:3) Belgien in Führung brachte, ist nur ein Beispiel.

Das erste Viertelfinale Polen vs. Portugal 4 : 6 n.E. war grottenschlecht und langweilig. Ich bin mehrere Male eingeschlafen. Für den Moderator Tom Bartels (ARD) war die präsentierte Langeweile eine echte Herausforderung. Er musste babbeln ohne Ende und ist noch nicht einmal Hesse. Einmal dabei hat er sich selbst umspielt: „ Das Gesicht trägt den Erfolg wie Misserfolg“. Gemeint war das zerfurchte Gesicht von Portugals Trainer. Was wollte er uns nur damit sagen? Der kann nicht nur ein Spiel lesen, das kann man bei ihm direkt ablesen?

Oliver Schmitt ist an sich ein ruhiger Kollege am Mikrofon. Er war bei der sensationellen Leistung der Waliser beim zweiten Viertelfinale aus dem Häuschen. Ich habe ihn noch verstanden, als er meinte, dass die Waliser bei belgischen Eckbällen ihre Lokomotiven (wuchtige Kerle) hinten reinstellen, bei deren Anblick die dicken Pausbacken von de Bruyne noch dicker wurden. Dann war ich überfragt beim Hinweis:“ Es gibt kein Langholz bei den Walisern“. Kann mir jemand helfen? Zwischenzeitlich befand sich Belgien im Schlummerland. Beim zweiten Gegentor sahen sie so alt aus wie ihre Großmütter. Da wurden sie buchstäblich auf dem Bierdeckel ausgespielt. Fachmann Welteke meinte dazu: „ Ein Zwergenaufstand jagt den nächsten“(Nach Island, jetzt Wales).

Das dritte Viertelfinale Deutschland vs. Italien war ein ständiges Auf und Ab, ein Thriller, bei dem sich beide Teams vor dem 11-m-Verschießwettbewerb, schwer taten. Die Umstellung auf eine Dreierkette gelang ganz gut, wobei ich nicht verstanden habe, warum das unbedingt notwendig war. Experte Scholl kritisierte diese Änderung heftig. Urs Siegenthaler, Experte und Analyst für die Mannschaft sagte dazu ganz trocken: „ Vor 1000 Jahren haben die Menschen auch gedacht, die Erde ist eine Scheibe“.  Anscheinend werden immer mehr Experten gebraucht. Der Experte ist m.E. Frührentner. So kann er verrückte Statistiken erfinden und verdient ganz ordentlich dabei. Ich bin leider kein Experte, weil ich weder Frührentner bin, noch ganz ordentlich verdiene.

Vor dem Spiel hörte man im Rundfunk nichts anderes als Bezüge zum Spiel. Es gab Familien, die Rituale entwickelten. Gelungen fand ich den Beitrag eines Familienvaters aus Köln. Wenn deutsche gegen italienische Mannschaften spielen, gehen wir zum Italiener in der Nähe Pizza essen. „Damit vernichten wir schon einmal deren Produkte“, meinte er. Zufrieden konnte man mit den Fans sein. Die verstanden sich gut und waren allesamt friedlich. Überhaupt gab es keine wüsten Szenen mehr, nachdem die Proleten aus Russland und England zuhause waren.

Nach dem 1:0 spielte die deutsche Mannschaft ihren Stiefel herunter. Man konnte sich an TV-Reporter Wolfgang Ley erinnern. Dieser hatte 1994 kurz vor Schluss des WM-Spiels Italien vs. Nigeria vorschnell geurteilt. Er erlaubte sich folgende verbale Flatulenz: „ Da sehe ich Trainer Arigo Sacchi. Es heißt ja Forza Italia, und bald hat er seinen letzten gelassen.“ Das war falsch wie am Samstag bei Antonio Conte, der als Trainer sein im Rückstand befindliches Team nach vorne trieb. Damals wie aktuell drehten die Italiener noch das Spiel, in Bordeaux nach einem unglücklichen Handspiel durch Jerome Boateng per 11-Meter zum 1:1. Die Italiener bauten um ihren Strafraum eine Betonmauer mit doppeltem Drahtverhau. Der fielen, durch heftige Tritte unterstützt, schließlich Gomez, Khedira und Schweinsteiger zum Opfer. Hinzu kam, dass Kassai(Ungarn) ein Schiedsrichter war, der im Zweifelfall immer gegen deutsche Mannschaften pfeift. Diesem Hobby frönte er einmal mehr.

Das anschließende 11-Meterschießen nach erfolgloser Verlängerung war nichts für schwache Herzen. Zwischendurch rief ARD-Reporter Steffen Simon ins Mikrofon: „ Was machen die denn da mit uns?“, nachdem kein Team den vermeintlich finalen Strafstoß einnetzte. Die Tanzeinlage des italieners Zaza vor seinem Schuss war ebenso irre wie der Tunnelblick von Schweinsteiger oder die erfolglose Lässigkeit von Thomas Müller.

Die Franzosen im anderen Viertelfinale spielten Fußball gegen brav kämpfende Isländer (5:2) mit ihrer ganzen gallischen Eleganz. Dabei muss man allerdings einräumen, dass sie schon von der Hautfarbe her, bis auf zwei, keinesfalls zur gallisch-romanischen Urbevölkerung gezählt werden können. Die Isländer wiederum taten mehr für ihr Land, als Tourismusreklame je leisten könnte. Wir anderen haben Dinge über die Insel erfahren, die wir sonst nie gewusst hätten. So sind sie z.B. in ihrem Telefonbuch alphabetisch nach Vornamen sortiert. Ohne erkennbare Folgeschäden verabreden sie sich zu Speisen wie reines Lammfett oder zum Fleisch eines nach Ammoniak stinkenden und bis zu drei Monaten in der Erde vergrabenen Grönlandhais. Ihr „Huh“ ist jetzt schon Kult.

Das erste Halbfinale gewann Portugal gegen Wales verdient mit 2:0. Man kann ihn mögen oder ablehnen, Ronaldo spaltet mit seinem Verhalten die Fußballwelt, nicht aber wegen seines überragenden Könnens. Sein Kopfballtor zum 1:0 war im wahrsten Sinne des Wortes überragend. Co-Moderator scholl meinte dazu: „ Drei können in der Luft stehen bleiben: Hubschrauber, Kolibris und Ronaldo“.

Ohne ihn wäre auch das zweite Tor nicht gefallen. Bale auf Waliser Seite allein reichte nicht, um erfolgreich dagegen zu halten. So war die Frage des das Spiel begleitenden Reporters berechtigt: „ Wie kommt der Ball nach vorne?“ und nach dem zweiten Tor pointierte er seine Überlegung mit dem Hinweis: „ Jetzt ist es kurz vor knapp“. Da in Wales ja auch um alles mögliche gewettet wird, gewannen die Waliser Sportkameraden, die sich den Gedanken des griechischen Dichters Hesiod ( um 700 v.Ch.) zu eigen machten: „ Bewundere das kleine Schiff, aber bringe Deine Ladung in das große“.

Torwart Neuer fand die 0:2 Niederlage im Halbfinale gegen Frankreich „nicht fair“. Dem mag man zustimmen. Rückblickend sieht es aber etwas anders aus. Die „Mannschaft“ war zwar optisch überlegen, ließ die Franzosen einmal mehr um ihr Leben rennen, hinten aber war der französische Strafraum eine Festung, die nicht geknackt wurde. Die hätten noch zwei Stunden weiter spielen können, ohne eine Änderung zu erzielen. Wir hatten einmal mehr keinen überzeugenden Mann in der Spitze. Ohne einen derartigen Spieler wird man heute nicht mehr Europameister. Da hilft alles Schönspielen 20 Meter vor dem gegnerischen Strafraum nichts.

Die schnellen Sturmspitzen der Franzosen kannte man. Was der schmächtige, aber pfeilschnelle Griezmann mit dem Ball kann, ist atemberaubend. Er läuft rechts neben dem gegnerischen Spieler her und vermag mit einer blitzschnellen Fußbewegung und Drehung, ohne langsamer zu werden, auf einmal links neben ihm herzurennen. Da kann einem Verteidiger schon einmal schwindlig werden. Hinzu kommt seine Spielintelligenz. Wie er eine Situation erfasst und mit einer „one touch-Bewegung“ den Ball weiter spielt, ist hohe Kunst. So einen haben wir nicht. Das machte letztendlich bei sonstiger Gleichwertigkeit den Unterschied. Griezmann macht aus seiner (körperlichen) Schwäche eine Stärke. El Mundo (Madrid) kommentierte: „ Die Deutschen haben ein ausgezeichnetes Team. Es spielt weltweit den besten Fußball. Aber es ist in brenzligen Situationen zu gutartig“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Dazu passt die „Spiegel“-Bemerkung: „ Mit dem Halbfinale hat die Mannschaft die alle zwei Jahre anstehende Hauptuntersuchung beim internationalen Fußballüberwachungsverein (UEFA;FIFA) bestanden, scheckheftgepflegt, wie stets.

Wir sind zwar raus, aber in zwei gleichzeitig laufenden Wettbewerben haben wir klar gewonnen. Einmal in der Fertigkeit „ Wie schieße ich bei klarsten Chancen kein Tor?“ und im Wettbewerb „ Wie gehe ich im Strafraum so mit der Hand an den Ball, dass es 11-Meter gibt“?

Das Finale gewann Portugal n.V. gegen Frankreich mit 1:0. Dabei hatten die Franzosen eine Taktik, aber keine Strategie. Ihre Überlegung, Portugals besten Stürmer Ronaldo aus dem Spiel zu treten, erfüllte sich nach einem brutalen Foul von Payet und Sissoko bereits ab der 10. Minute. Das war so raffiniert und gemein, dass der Schiedsrichter noch nicht einmal Gelb gab. Mit diesem Vorteil konnten sie aber nichts anfangen. So gut waren sie dann auch wieder nicht. So verloren sie verdient.

Für alle Siegesfeiern müssten sie den Franzosen Platini einladen. Ohne ihn wären sie nach Null-Siegen in der Vorrunde raus gewesen. So kamen sie als Gruppendritter weiter.

Im Vorteil waren die „Kleinen“(Wales, Island, Nordirland, Irland). Deren Spieler waren hochmotiviert und frisch. Schließlich spielen sie eher in den zweiten Ligen und nicht international. Da das Zerstören leichter ist als attraktives Offensivspiel, wurde häufig nicht vorhandene Qualität durch Athletik ausgeglichen. Man machte hinten zu und wartete auf die Möglichkeit von Kontern. Das ist im Grunde und auf Dauer wenig attraktiv.

Die Funktionäre scheinen sich dazu keine Gedanken zu machen. Bei der FIFA überlegt man ernsthaft, die WM auf 40 Teams aufzustocken. Da wird Geldgier zur Methode. Irgendwann wird es von Vereinsseite zum Aufstand kommen. Weltklassespieler erhalten Weltklassegehälter von ihren Vereinen, werden aber von den Verbänden (UEFA,FIFA) alle zwei Jahre bis zur Erschöpfung abgezockt. Das kann nicht gut gehen.

Finanziell verdiente die UEFA unvergleichliche ca. 1,9 Mrd. €. Dem Betrag standen 1,17 Mrd. € Ausgaben gegenüber. Der Frage, was machen die mit 830 Mill. € Reingewinn ?, schließe ich mich sofort an.

 

Siegbert Heid, 13.07.16