Sportreporter haben die deutsche Grammatik im Bereich der Steigerungsstufen verändert. Als höchste Steigerungsform bevorzugen sie inzwischen die Form: „ Was geht denn hier ab?“ Dazu hatten sie am letzten Januarwochenende reichlich Gelegenheit.

Ich hoffe, dass sie in diesem Jahr des Sports noch oft Gelegenheit dazu haben werden. Die Vier-Schanzentournee liegt hinter uns, ebenso das Lauberhornrennen und Kitzbühel. In Kitzbühel muss man überlegen, dass die Show nicht Oberhand über den Sport gewinnt. Wenn es wichtiger ist, z.B. Mario Götze mit gegeltem Haar in Begleitung zweier Puppen beim Verlassen einer Bar zu zeigen, als die Sportler, die sich dem vereisten Schnee auf einer absurd steilen Piste stellten, dann wird der Sport zweitrangig. Den Höhepunkt an Dekadenz erfand der Brausehersteller, der auch für RB Leipzig verantwortlich ist, als er mit seiner Reklame einen Formel 1 Boliden den Hang hinunter schickte. Brav hat ihm das österreichische Fernsehen gratis die Werbezeit dazu zur Verfügung gestellt.

Wo eine Kompression für die Fahrer bei ca. 120 km/h nicht mehr sichtbar ist, ist es verantwortungslos, sie dort herunter fahren zu lassen. Nach Startnummer 30 hat man das Rennen endlich abgebrochen. In Wengen (Lauberhorn) war man vorsichtiger. Wegen einer Nebelbank unterbrach man das Rennen. ARD-Reporterin Jana Thiel wurde ungehalten und fragte den neben ihr stehenden Österreicher Hannes Reichelt (2.Platz), wann es weiter ginge. Der hatte als trockene Antwort parat: „ Wenn sie-die Nebelbank-wieder weg ist“. Jana fragte nichts mehr.

Es folgten wieder rein sportlich Biathlonwettbewerbe in Ruhpolding und in Antholz, sowie die Handball – EM. Die Fußball – EM in Frankreich und die Olympischen Spiele in Rio werden uns den Sommer verkürzen.

Den Abschluss des letzten Januarwochenendes versüßten uns die Handballer. So formulierte am Sonntagabend Handballvizepräsident Henning nach dem unerwartet souveränen Sieg gegen Spanien: „ Solche Spiele werden im Kopf entschieden. Man hätte das Spiel gar nicht anpfeifen brauchen.“ Er wollte damit sagen, dass das Team sich vor dem Handballweltmeister von 2013 nicht verstecken wollte, sondern Jugendfrische über Routine triumphierte. Dazu bestätigte der ungemein lockere und unkonventionelle Stefan Kretzschmer als Co-Moderator neben Delling: „ Es war ja nicht Timbuktu, das gespielt hat – es war Spanien!“ Die Stadt liegt in Mali, aber das war ihm im Augenblick entfallen. Er hat mir ohnehin gut gefallen. Kurz nach dem gewonnenen Spiel gegen den Favoriten Dänemark weigerte er sich, mit Gerhard Delling taktische Details zu besprechen. „ Das ist jetzt doch Schwachsinn“, meinte er und stellte einen Kasten Bier auf den Tisch. Von Torwart Carsten Lichtlein lernten wir auch einen neuen Ausdruck: „ Am Schluss [ vs. Norwegen ] war es nur ein Hasenrennen!“ Er meinte, dass beide Teams nur noch vor und zurück rannten.

Den Beginn am Samstagmorgen servierte Angelique Kerber mit einem nie erwarteten Sieg über Serena Williams, deren krafstrotzender Anblick mich schon aus der Entfernung das Fürchten lehrt.

Dazwischen lagen Wintersportwettbewerbe, bei denen man zurecht die Frage von Zeile 2 stellen durfte. Aber der Reihe nach.

Zunächst bedanke ich mich für die Rückmeldungen, die mich ermuntern, mehr über den Sport im allgemeinen und weniger über den Fußball zu schreiben, falls das möglich ist. Schmunzeln musste ich auch über Rückfragen wie z.B. von Leser Klaus aus Esslingen, in welchen Topf (Essen, Trinken, Kiffen, Puff ) des Obdachlosen ich mein Scherflein gesteckt hätte. Ich habe mich an seiner Aktion nicht beteiligt, weil er so munter und gesund aussah. Dafür kaufe ich aber die Obdachlosenzeitung, die vor unserem Einkaufszentrum angeboten wird.

Gut gefallen hat mir beim Snowboardcross am Feldberg ein deutscher Läufer nach seinem Sieg in einem Vorlauf. Der Reporter fragte ihn nach seinem Erfolgsgeheimnis: „ Da die Strecke so kurz ist, darfst Du unterwegs nicht niesen, sonst bist Du am Ziel und weißt nicht warum“. Der Reporter fragte nicht weiter. Es bedurfte keiner weiteren Fragen.

Die Rodler absolvierten am Königssee ihre WM. Die Deutschen gewannen sechs von sieben Titeln. Das ist schon fast ein wenig unanständig. Hilfreich war der Hinweis im Dameneinzelrennen: „ Das Rennen entscheidet sich in der krummen Geraden.“ Das war einst bei meinem Schulfreund Walter aus Ettlingen ähnlich. Im Mathe-Unterricht benutzte er für die Parallelverschiebung kein Lineal und Dreieck, sondern zwei Schulhefte. Das hat ihm und seinen Patienten aber später als Augenarzt nicht geschadet.

Es finden inzwischen erstaunlich viele Wettbewerbe statt, die ohne Schnee nicht machbar sind. Dabei ist Schnee nicht gleich Schnee. Die Inuits haben so gegen 20 Bezeichnungen für Schnee. Der Künstler Eichner hat mir einmal erzählt, dass die farblich richtige Wiedergabe von Schnee so ziemlich das Schwierigste in der Malerei sei.

Beim Seefeld Triple in der Nordischen Kombination stürzte Eric Frenzel. Frisch gefallener schwerer Schnee bremste die Ski bei seinem Sprung, der Schwung aber riss ihn nach vorn und in den Schnee. Anderntags musste der vor ihm liegende Japaner Watabe als erster vor ihm den „Schneepflug“ spielen, weil Neuschnee gefallen war. So holte er noch 56 Sekunden Rückstand auf und gewann mit 18 Sekunden Vorsprung. Bei einem Russen hätte ich nach den Doping-Ergebnissen in der Leichtathletik dabei an gewisse Pülverchen gedacht, bei Frenzel nicht.

In Maribor fuhr die Sportkameradin Rebensburg im Riesenslalom ihren 12. Weltcupsieg heraus, obwohl ihr 2. Lauf „ in der finalen Fahrt Vollchaos“ war. Das sah ich genau so. Auf dem nassen Schnee, der eher Wasser als Schnee war, schwammen die Ski den anderen Konkurrentinnen richtig weg. Folgerichtig wurde anderntags der Slalom abgebrochen. Es ist halt grenzwertig, wenn man aus touristischen Gründen auf einer Höhe von 320 Metern Skirennen ansetzt. Die „Wolkenburg“ als Berg im Siebengebirge, auf den ich gerade schaue, ist 324 m hoch.

Eine Woche zuvor fand die Damenabfahrt in Cortina d’Ampezzo statt, die Lindsey Vonn souverän gewann. Der Reporter begleitete sie am Fernseher und fand, dass sie durch die Felsen des Tofana Schusses „ den Ski streichelte“. Sie streichelte weder den einen noch alle beide Ski, sondern fuhr nur wie die Sau die Engstelle durch. Einfühlsam war auch sein Hinweis zu der mit einem Verband fahrenden Italienerin Merighetti. „ Sie braucht den Schmerz, um schnell zu sein“. Damit wir es begreifen, erläuterte er uns: „ Im letzten Jahr hat sie auf dieser Abfahrt bei einem Sturz mehrere Zähne verloren“. Dadurch fehlte ihr die Zeit zum Sieg, andererseits hatte sie es nach dem Sturz beim Durchatmen leichter.

„Toter Schnee“, wie es Renndirektor Waldner formulierte, fand dagegen Felix Neureuther auf seinem Hausberg in Garmisch vor. Der Slalom fiel aus. Wie der Schnee ermordet wurde, hat man mir nicht erklärt. In der Nacht fiel noch 20 cm Neuschnee, morgens hat es dann geregnet. Das war es dann auch.

Seine Freundin Miriam Gössner läuft im Biathlon dagegen auf allen Schneesorten. Das macht sie auch sehr gut. Leider schießt sie so oft daneben wie kaum eine Zweite. Ihre „Fahrkarten“ reichen inzwischen für ein „Round the world ticket“, während ihr Freund gerne „einfädelt“ wie zuletzt in Kitzbühel. D.h. er fährt nicht mit beiden Ski um die Torstange herum. Wie das geht, zeigt ihm zur Zeit der viel jüngere Norweger Rasmussen. Miriams Leistung bewertete das „Badische Tagblatt“ mit folgendem Schreibfehler: „ Das ist ihre Schwäche am Scheißstand“. Wo er Recht hat, hat er Recht. Über beider Leistungen zur Zeit gilt, was der „Berliner Tagesspiegel“ zu Bowies Tod geschrieben hat: „ Es entstand eine heitere, zutiefst depressive Musik“.

Mit „aggressivem Schnee“ hatten es die Rennläufer in Kitzbühel zu tun. Folgerichtig beförderte er einige per Helikopter ins Krankenhaus. Jede kleinste Richtungsänderung mit dem Ski greift sofort, auch wenn sie nicht beabsichtigt ist.

Bleibt noch das Skispringen. Bei der Skiflug-WM in Kulm konnte ich behilflich sein. Beim weiten Sprung des Japaners Kasai rief Reporter König: „ Ja, wo springt er denn hin, der   Kasai ?“ Sofort konnte ich ihm das erklären.   Vor dem Japantrip der Skispringer fand der letzte Wettbewerb in Zakopane statt. Im Mannschaftswettbewerb musste ein Japaner einen einigermaßen guten Sprung zeigen, um an der Schweiz vorbei zu ziehen. Der Kommentar:     „ Die Chance war so offen wie ein Scheunentor und der springt gegen den Pfosten“. Glücklicherweise war der Pfosten gänzlich woanders.

Während nun die Herren im fernen Japan die Schanzen herunter fahren, hatte das Damenskispringen in Oberstdorf auch einen gewissen Reiz. Der beruht darauf, wie der Reporter schilderte, dass es den Trainern oft schwer fällt, die Damen bei der Stange zu halten, Verzeihung, sie wettbewerbsorientiert zu motivieren. Der slowenische Trainer brachte es auf den Punkt: „ Man möchte als Trainer oft abends viel mehr trinken, als einem gut tut“.

Der Februar verleidet, einmal mehr, sich in der Abteilung Irre, Korruption, Doping und Fehlentscheidungen umzutun. Dabei zähle ich nicht die acht Millionen €, die Sepp Blatter nach Mitteilung von Scheich Salman, Bahrain, verdient. Wer die FIFA von einem korrupten Haufen aus der Zeit des Faschisten Havelange zu einer ebenso korrupten Geldmaschine umgemodelt hat, der darf sich ein Stück vom Kuchen abschneiden, falls er nicht zur Heilsarmee gehört. Jetzt hat der kleine FIFA-Rest beschlossen, alle Zahlungen an die Regionalverbände in Süd- und Mittelamerika zu stornieren. Das waren nicht viele, weil die anderen im Gefängnis sitzen oder von der Ethikkommission ausgesperrt wurden.

Genial absurd war die Idee der 19-jährigen Belgierin van den Driessche. Zur Querfeldein-WM startete sie mit einem Fahrrad mit Hilfsmotor. Der war irgendwo versteckt untergebracht. Sie musste das Rennen abbrechen. Ich vermute, sie hatte einen Motorschaden. Jetzt wurde der Betrug entdeckt.

Über Schachwettkämpfe wird in unserer Regionalzeitung immer im Sportteil berichtet. Wenn es nach Saudi-Arabiens Großmufti Scheich Abdulasis geht, ist jetzt damit Schluss. Es sei ein unislamisches Glücksspiel. Ohne Einsatz des Gehirns kann man kein Schach spielen. Wahrscheinlich ist ihm das zuwider. Wenig Glück mit dieser absurden Religion hatte die italienische Protokollchefin. Beim Besuch des iranischen Präsidenten in Rom wollte sie sicher gehen und verhüllte die nackten antiken Statuen mit Sperrholz, obwohl noch nie jemand sich daran gestört hatte. Das war wieder falsch. Gäste sollten stets die Rechts- und Werteordnung ihrer Gastgeber respektieren. Aber von einem Kotau sollte man doch absehen. Es ist schon absurd, was da alles läuft.

Interessant ist ein Einblick in das Währungsgefüge Indiens. Dort ist ein Einlauf teurer als 40 Bananen. Man wollte einem Dieb die geklaute und heruntergeschluckte Kette (Respekt) eiligst wieder abnehmen. Der ärztlich empfohlene Einlauf war der Polizei zu teuer. Statt- dessen musste der Delinquent mehr als 40 Bananen essen, bis die Kette wieder zum Vorschau kam. Der isst wahrscheinlich nie mehr Bananen.

Jetzt hat ein Russe 50 km Straße geklaut. Er hat 7000 Betonplatten abmontieren lassen und für 72000 € anderweitig in den Wirtschaftskreislauf gebracht. Das ist ein kleiner Fisch. In Russland zählt der Straßenbau zu den korruptesten Betätigungsfeldern. Zur Olympiade 2014 in Sotschi wurde für 7,4 Milliarden € eine Bergstraße gebaut. Das Geld hätte gereicht, um die 48 km lange Straße mit Kaviar zu bestreichen. Vor so viel organisierter Kriminalität verneigen sich sogar unsere Experten bei VW oder der Deutschen Bank voller Respekt.

Währenddessen atmet man in deutschen Schützenvereinen auf. Steht in ihrer Satzung, dass sie keine Frauen aufnehmen, dann bleibt es dabei. Finanzbeamte wollten ihnen die Gemeinnützigkeit streichen. NRW-Finanzminister Borjans (SPD) stellte nun klar, dass sie auch so der Allgemeinheit dienen, d.h. als Wähler. Der kann sicher auch Balken biegen.

So ganz ohne Fußball geht es aber nicht. Der Chilene Marcelo Diaz wechselte jetzt vom HSV nach Spanien. Es war dieser Seckel (bad. Schimpfwort), der in der Nachspielzeit durch seinen unberechtigten Freistoß dem KSC den Wiedereintritt in die 1. Bundesliga versagte. Hätte der nicht schon im Frühjahr gehen können ?

Man musste kein Hellseher sein, um voraus zu sagen, dass Guardiola zu Manchester City geht. Es sind weniger die 25 Mill. € Gehalt für jedes der drei Jahre. Es sind die märchenhaften Voraussetzungen in Form der Infrastruktur und des zur Verfügung stehenden Geldes. Ob Neymar schon einen Englischkurs besucht ? Gekniffen ist zunächst Mario Götze. Er war so unehrlich, uns weis zu machen, er gehe wegen des Trainers zu den Bayern, statt zu sagen, dass sein Wechsel ihm drei Millionen € einbrachte, ohne dafür die Schuhe zu schnüren. Vielleicht bekommt er bei Ancelotti eine neue Chance. Eines weiß ich: Götze geht nicht zu Manchester City.

Siegbert Heid, 04.02.16